22.04.2022 Ausgabe: 3/22

Bausubstanz erhalten - Pilotprojekt in Sachsen-Anhalt: Ein Plattenbau wird zum energieautarken Mehrfamilienhaus mit Pauschalmiete saniert.

Steigende Nebenkosten machen Mietern, aber auch Gebäudeeigentümern nicht erst in jüngster Zeit zu schaffen. Um diese zunehmende finanzielle Belastung zu bremsen, schlägt die Ascherslebener Gebäude- und Wohnungsgesellschaft mbH (AGW) einen neuen Weg ein. Im März 2022 begann das städtische Wohnungsun­ternehmen, einen der drei Plattenbauten in der Kopernikusstraße im Königsauer Viertel in Aschersleben zu einem energieautarken Mehrfamilienhaus umzubauen – ein bun­desweit einmaliges Bauvorhaben mit einem Energiekonzept, das zeitgemäße Antwor­ten auf drängende Fragen gibt.
 

Ein besonderes Energiekonzept
22 Wohnungen mit zwei bis fünf Zimmern werden entstehen, für die künftige Miete­rinnen und Mieter dann eine Pauschalmiete inklusive der Kosten für Strom, Wärme und Elektromobilität zahlen. Möglich wird das durch die Selbstversorgung: Auf dem Dach und an drei Fassaden des Wohnge­bäudes werden Photovoltaikmodule ins­talliert, die Solarstrom produzieren. Der wird nicht nur für Haushaltsstrom und ein Elektroauto im Carsharing verwendet, son­dern auch zum Heizen. Für Effizienz sorgt die neu eingebaute Infrarot heizung. Das auf Strahlungswärme basierende Prinzip erwärmt im Unterschied zu konventionel­len Heizsystemen nicht die Raumluft, son­dern die Raumhülle, also Boden, Wände und Gegenstände im Raum. Ähnlich wie ein Kachelofen speichern diese Materialien die Wärme und geben sie an den Raum ab. Die Investitionskosten sind dabei relativ gering, und auch die Kosten für Wartung und Reparaturen bleiben langfristig niedrig.
 

Umbau statt Abriss
Am Gebäude, das schon lange für eine energetische Sanierung vorgesehen war, erfolgten in den vergangenen Jahrzehnten bereits verschiedene Instandsetzungsmaß­nahmen: Neue Fenster wurden eingebaut, die elektrische Anlage erneuert, die Fassade des Plattenbaus aber nicht gedämmt und auch nicht optisch verschönert. Die Bau­substanz ist jedoch auch nach 50 Jahren noch gut erhalten.

Anstatt ganz abzureißen, wurden nun also zunächst die beiden oberen Etagen abgetragen und ein Gebäudesegment mit einem Eingang abgerissen. Damit trug die AGW der Bevölkerungsabwanderung in der Region Rechnung. Im nächsten Schritt werden die drei unteren Stockwerke ener­getisch saniert und zeitgemäß optimiert.

Neben der nachhaltigen und günstigen Energieversorgung verfolgt die AGW mit dem Umbau noch ein weiteres Anliegen: Es gilt, unnötige graue Energie zu vermeiden, also die für die Gewinnung der Bauma­terialien, die Herstellung und Verarbei­tung von Bauteilen, den Transport von Menschen, Maschinen und Material zur Baustelle, für den Einbau, aber auch die Entsorgung. Zudem sollen soweit mög­lich Baumaterialien eingesetzt werden, die kreislauffähig sind, also entweder kompos­tierbar oder recycelbar.
 

Batteriespeicher stärken die Autarkie
Für die Bewohner wird das Haus zum täg­lichen Beitrag für den Klimaschutz. Denn Strom und Wärme sollen real, nicht nur bilanziell zu über 60 Prozent solar erzeugt werden: durch Photovoltaikmodule auf dem Dach mit insgesamt 111 Kilowatt Leis­tung und Modulen an den Fassaden in Rich­tung Süden, Osten und Westen mit 65 Kilowatt Leistung. Im Winterhalbjahr wird Ökostrom zugekauft.

Geplant haben die energieautarke Sanierung in Aschersleben der Freiber-ger Solarexperte und Honorarprofessor Timo Leukefeld und das Team um den Architekten Klaus Hennecke sowie den Projektsteuerer Jürgen Kannemann. Auf Solarenergie und Infrarotheizung setzen sie, weil sich der Heizungsmarkt in einem gravierenden Wandel befindet: Werden aktuell noch vor allem Wärmepumpen installiert, wird künftig in erster Linie auf elektrisch betriebene Heizungen gesetzt, sind die Planer überzeugt. Zu den Vortei­len der Infrarot heizungen zählt, dass keine

Rohrleitungen wie bei herkömmli­chen wasserführen­den Heizsystemen erforderlich sind. Das senkt den Zeit­aufwand und die Material kosten für die Montage. Zudem sind Infra­rotheizungen über Jahrzehnte war­tungsfrei, was lang­fristig gut ist für die Rendite. Mit Solar­strom vom eige­nen Dach und den Fassaden können Infrarotheizungen kostengünstig und CO2-frei betrieben werden.

Um wirklich möglichst unabhängig zu sein von Energielieferungen, ist jedoch ein Speicherkonzept nötig. Das basiert bei diesem Bauvorhaben auf drei Säulen: Photovoltaik-Akkus für die Kurzzeitspei­cherung halten den tagsüber gewonnenen Sonnenstrom bis in die Nacht vor. Warm­wasser-Boiler übernehmen die mittelfris­tige Speicherfunktion in jeder Wohnung mit dezentraler Warmwasserbereitung in einem circa 200 Liter fassenden Trinkwas­serspeicher. Überschüssiger Sonnenstrom wird für etwa 80 Prozent des Warmwasserbedarfs genutzt. Die dritte Säule des Konzepts bilden die dicken Betonwände des Gebäudes, die über die Infrarothei­zung erwärmt werden. Die Planer gehen davon aus, dass das Gebäude von März bis Oktober vollständig energieautark sein wird.

Deutlich gesenkte Energiekosten
Bei der Berechnung der Gesamtenergiekosten geht Energieexperte Leukefeld davon aus, dass die Haushalte zwischen 2.000 und 2.500 Kilowattstunden Haus­haltsstrom im Jahr verbrauchen. Wenn die EEG-Umlage auf selbst verbrauch­ten Solarstrom Mitte 2022 fällt, werden die Energiekosten für Heizung, Warm­wasser und Haushaltsstrom den Berech­nungen zufolge bei jährlich 381 Euro je Wohneinheit beziehungsweise 32 Euro im Monat liegen. Dabei können Bewohner künftig auch auf das eigene Auto verzich­ten. In den ersten Jahren soll das von der AGW bereitgestellte E-Fahrzeug stunden­weise kostenlos genutzt werden können. Der hohe Anteil der Solarenergie an der Versorgung des Hauses ermöglicht eine sichere Kostenplanung und die Einpreisung des Verbrauchs in die Pauschalmiete mit „Energieflatrate“.

Der Umbau dieses Plattenbaus ist bisher einzigartig und insofern ein Pilotprojekt, das im Ergebnis sehr genau beobachtet wird. Geht das Konzept auf, werden die beiden anderen Gebäude auf dem Gelände ebenfalls energieautark umgebaut.

Andrea Körner

Redaktion