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Europa steht vor einer doppelten Bewährungsprobe: Es fehlen Wohnungen, während ein alternder Gebäudebestand energetisch ertüchtigt, klimafähig gemacht undbezahlbar gehalten werden muss. Genau darin liegt der Zielkonflikt: Neubau, Sanierung und Bezahlbarkeit müssen gleichzeitig gelingen.
Die überarbeitete EU-Gebäuderichtlinie setzt dafür den gemeinsamen Rahmen. Sie ist am 28. Mai 2024 in Kraftgetreten; die Umsetzungsfrist endete am 29. Mai 2026. Seitdemzeigt sich, wie unterschiedlich die Mitgliedstaaten die europäischen Vorgaben in nationale Politik übersetzen: in Renovierungspläne, Neubauanforderungen, Förderprogramme, Wärmeplanung, Mietrecht oder technische Standards. Europa verfolgt ein gemeinsames Ziel, aber keinen gemeinsamen Weg.
Darin liegt der Erkenntniswert für die Immobilienbranche. Deutschland ringt mit einem komplexen Instrumenten-mix, Frankreich verknüpft Energieeffizienz stärker mit der Nutzbarkeit von Wohnraum, die Niederlande geben eine klarere Richtung vor, Dänemark denkt Wärme alsInfrastruktur. Spanien lenkt den Blick auf die Nutzung vorhandenen Wohnraums, Finnland auf die soziale Funktion des Wohnens, die Schweiz auf die Bodenfrage und Polen auf die schlechtesten Gebäude und Heizungen.
Es geht nicht darum, ein Land zum Vorbild zu erklären. Dafür sind Eigentumsstrukturen, Heizsysteme, Bodenmärkte, Miettraditionen und Verwaltungskulturen zu verschieden. Entscheidend ist, welche politische Logik hinter den einzelnen Modellen steht und was sich daraus für Deutschland ableiten lässt.
Deutschland setzt in der Immobilienpolitik auf einen breiten Instrumentenmix: Mieterschutz, Neubauförderung, kommunale Wärmeplanung, Gebäudeenergiegesetz, KfW-Programme, CO2-Bepreisung und sozialer Wohnungsbau sollen gemeinsam wirken. Der Ansatz versucht, Klimaschutz, Bezahlbarkeit und Eigentümerinteressen auszubalancieren. In der Praxis entsteht daraus jedoch ein hohes Maß an Komplexität.
Der Wohnungsmarkt leidet nicht an einem einzelnen Defizit,sondern an mehreren zugleich: Es wird zu wenig gebaut, der soziale Wohnungsbestand ist klein, Förderbedingungen ändern sich häufig, und die Wärmewende im Bestand bleibt politisch umkämpft. 2025 wurden nur 206.600 Wohnungen fertiggestellt, 18 Prozent weniger als im Vorjahr und der niedrigste Wert seit 2012. Damit verschärft sich der Zielkonflikt zwischen Klimaschutz und zusätzlichem Wohnraum.
Auch beim Heizungsrecht bleibt der Rahmen in Bewegung. Das neue Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) wird die bisherige 65-Prozent-Vorgabe beim Heizungseinbau ablösen und stärker technologieoffen ausgestalten. Für Eigentümer, Investoren, Projektentwickler und Wohnungsunternehmen ist weniger die einzelne Vorgabe entscheidend als die Frage, ob daraus ein verlässlicher Investitionsrahmen entsteht.
Deutschland zeigt damit eine Grundschwäche moderner Immobilienpolitik: Viele Instrumente erzeugen noch keine Wirkung, wenn Richtung, Verfahren und Finanzierung nicht zusammenpassen. Entscheidend ist, ob die Regeln verlässlich genug sind, damit Kommunen planen, Unternehmen investieren und Eigentümer handeln können.
Frankreich setzt in der Gebäudepolitik stärker auf verbindliche Vorgaben. Energetische Qualität wird dort nicht nur sichtbar gemacht, sondern zunehmend zur Voraussetzung für die Vermietbarkeit. Besonders deutlich zeigt sich das am Energieausweis DPE.
Der Zielkonflikt ähnelt dem deutschen: Es braucht mehr bezahlbaren Wohnraum, zugleich muss der Bestand saniert werden. Der Unterschied liegt im Instrument. Während Deutschland stärker über Förderung, Marktpreise und Betriebskosten steuert, verlagert Frankreichden Druck unmittelbarer ins Mietrecht. Seit 2025 gelten Wohnungen der Klasse DPE G (schlechteste Energieklasse) bei Neuvermietungen sowie bei verlängerten oder stillschweigend erneuerten Mietverträgen als rechtliches Problem. Energetische Schwäche wird damit nicht nur teuer, sondern kann die weitere Nutzung begrenzen.
Das zeigt die Stärke und das Risiko eines konsequent regulierenden Staates. KlareVorgaben erhöhen den Sanierungsdruckund machenEnergieeffizienz zu einem echten Marktfaktor. Steigen Anforderungen jedoch schneller als Fördermittel, Baukapazitäten und Eigentümerliquidität, drohen Verknappung, Überforderung und neuer sozialer Druck. Entscheidend istdaher nicht allein die Strenge der Regel, sondern ihre Umsetzbarkeit.
Die Niederlande stehen für eine klarere Systementscheidung im Gebäudesektor. Neubau, Wärmeversorgung und Standards folgen einer gemeinsamen Linie. Hinzu kommt ein starker Sektor von Wohnungsbaugesellschaften, der soziale und klimapolitische Ziele besser bündeln kann als ein kleinteiliger Markt.
Darin liegt der Unterschied zu Deutschland: Während hierzulande Technologieoffenheit häufig als Leitwort dient, setzen die Niederlande stärker auf Verlässlichkeit. Das gibt Herstellern, Bauwirtschaft, Energieversorgern und Eigentümern Orientierung. Wer die Richtung kennt, kann Produkte entwickeln, Netze planen und Investitionen vorbereiten.
Auch im Bestand wird der Umbau sichtbar: Der Anteil gasfreier Wohnungen wächst, hybride Systeme nehmen zu, Standards werden schrittweise verschärft. Die Stärke des niederländischen Ansatzes liegt damit weniger in einem einzelnen Instrument als in der Verbindung von Energiepolitik, Regulierung und Wohnungswirtschaft.
Seine Grenze bleibt die Wohnungsfrage. Auch die Niederlande kämpfen mit Knappheit, steigenden Kosten und dem Druck, ausreichend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.Politische Klarheit hilft der Transformation, ersetzt aber keine Baukapazitäten, keine Flächen und keine soziale Abfederung.
Dänemark zeigt einen klaren Gegenentwurf zur deutschen Heizungsdebatte. Nicht die einzelne Anlage im Gebäude steht imMittelpunkt, sondern Netze, Quartiere und kommunale Infrastruktur. Der hohe Fernwärmeanteil, verbindliche Wärmeplanung und vielfach gemeinwohlorientierte Versorgungsstrukturen schaffen dafür andere Voraussetzungen.
2024 waren rund 69 Prozent der dänischen Haushalte an Fernwärme angeschlossen; 2023 deckte sie 57 Prozent des nationalen Wohnwärmebedarfs. Die Wärmewende wirddamit weniger zur Einzelentscheidung jedes Eigentümersals zur Infrastrukturaufgabe. Für Deutschland liegt darin die zentrale Lehre: Kommunale Wärmeplanung darf nicht bei Karten und Konzepten enden. Sie muss Investitionen ermöglichen und Eigentümern belastbare Antworten geben: Kommt Fernwärme, wann und zu welchen Bedingungen? Oder bleibt das Gebäude auf eine eigene Lösung angewiesen?
Dänemark lässt sich nicht kurzfristig kopieren. Fernwärmesysteme entstehen über Jahrzehnte und hängen von Siedlungsstruktur, kommunalerSteuerung, Energiequellen und Akzeptanz ab. Übertragbar ist aber das Grundprinzip: Wärme ist kein reines Privatproblem, sondern Standortpolitik.
Spanien macht deutlich, dass Wohnungspolitik nicht nur beim Neubau beginnt. In angespannten Märkten entscheidet auch, wie vorhandener Wohnraum genutzt wird: Ferienwohnungen, Leerstand, Umnutzung und blockierte Eigentümerentscheidungen können das Angebot ebenso verengen wie fehlende Bautätigkeit. Barcelona steht exemplarisch für den Versuch, touristisch genutzte Wohnungen wieder dem regulären Markt zuzuführen. Zugleich zeigt sich die Grenze solcher Eingriffe: Ohne dauerhaft bezahlbaren Bestand bleibt Regulierung ein Korrektiv, aber keine vollständige Lösung.
Finnland erweitert den Blick um die soziale Dimension. Der Housing-First-Ansatz behandelt Wohnen nicht als Belohnung nach Stabilisierung, sondern als deren Voraussetzung. Wohnraum ist damit nicht nur Ware, Kapitalanlageoder Klimafaktor, sondern soziale Infrastruktur. Auch dieses Modell gerät jedoch unter Druck, wenn bezahlbare Wohnungen fehlen, Kosten steigen oder Unterstützungssysteme schwächer werden.
Die Schweiz, vor allem Zürich, lenkt den Blick auf die Bodenfrage. Dauerhafte Bezahlbarkeit entsteht dort nicht allein durch Mietregeln,sondern durch Genossenschaften, gemeinnützige Träger und langfristige kommunale Bodenpolitik. Das wirkt langsamer als kurzfristige Eingriffe, kann Wohnraum aber dauerhaft dem spekulativen Druck entziehen. Entscheidend ist hier nicht nur, wie hoch Mieten sein dürfen, sondern wem der Boden gehört.
Polen steht für pragmatische Priorisierung. Im Mittelpunkt stehen alte Heizungen, schlechte Luft und energetisch schwache Gebäude. Programme wie Clean Air und TERMO setzen bei Thermomodernisierung, Heizungstausch und erneuerbarer Wärme an. Für Deutschland ist das keineBlaupause, aber ein Korrektiv: Sanierungspolitik sollte stärker dort beginnen, wo Energieverluste, Emissionen und soziale Belastungen am größten sind.
Der europäische Vergleich liefert kein ideales Modell, sondern politische Grundentscheidungen: Regulierung braucht Finanzierung, Förderung braucht Planungssicherheit, Klimapolitik Infrastruktur und Bezahlbarkeit eine aktive Bestands- und Bodenpolitik.
Für Deutschland heißt das: Ein stabiler Rahmen muss Neubau, Bestand, Wärmeinfrastruktur und soziale Bezahlbarkeit zusammen denken. Wer Klimaschutz gegen Wohnungsbau ausspielt, verliert beides; wer Eigentümer mit wechselnden Vorgaben überzieht, erzeugt keine Transformation, sondern Abwarten.
Für Verwaltungen und Eigentümergemeinschaften wird diese Politik im konkreten Gebäude praktisch: bei Energieausweisen, Heizsystemen, Sanierungsfahrplänen, Rücklagen, Förderanträgen und Beschlüssen. Entscheidend ist nicht, jede Maßnahme sofort umzusetzen, sondern rechtzeitig handlungsfähig zu werden – mit belastbaren Gebäudedaten, realistischen Kostenvergleichen und tragfähigen Entscheidungen.
Referentin Pressse- und
Öffentlichkeitsarbeit
VDIV Deutschland
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